DER PROFESSOR –
EXPERTENMEINUNG ZUR VERMEIDUNG VON TÖFFUNFÄLLEN

Werde, wer du bist! 
Viel zu wenig Menschen begreifen, dass sie selbst die wichtigste Ressource sind, um Töff-Unfälle zu vermeiden.

 

Von Michael Kutschke und Prof. Hans Eberspächer

 

Artikel mit Bild 'toeff-magazin.ch' 00/11

 

 

 

Raser, schwere Motorradunfälle, Tote, Verletzte... So oder ähnlich tönt es Tag für Tag in den Medien. Überhöhte Geschwindigkeit scheint aber auch für viele Verkehrsexperten die einzig passende Erklärung für derart tragische Ereignisse zu sein.


Herr Professor Eberspächer, Sie sind Töfffahrer, Wissenschaftler und Autor des Buches «Gutes Motorradfahren beginnt im Kopf, schlechtes auch» – wie sehen Sie die Raser-Problematik?

Natürlich gibt es Leute, die zu schnell fahren. Schnelligkeit ist in unserer Gesellschaft ja eigentlich ein Zeichen von Aktivität und dadurch anerkennenswert, da Leistung und Fortkommen in unserem Alltag häufig den einzigen Sinn des Lebens spenden. Die Erklärung «überhöhte Geschwindigkeit» im Zusammenhang mit Motorradunfällen ist daher eine Begründung, die meist stimmig scheint. Aber sie ist nicht immer erklärungsstark. Wenn man die Faktenlage jedoch wissenschaftlich angeht, stellt man also zunächst einmal fest, dass wir es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun haben, weil sich viele Leute in fast allen möglichen Lebensbereichen etwas zutrauen, das sie eigentlich nicht können. Sei es beim Skifahren oder auch nur bei der Wahl der aktuellen Mode – in unserer Gesellschaft ist es doch normal, etwas zeigen zu wollen, was man nicht ist, beziehungsweise was man glaubt, anderen zeigen zu müssen.


Was hat das mit Töffunfällen zu tun?

Dann denken Sie mal an die Showkurve auf der Hausstrecke. Wer primär für die Show fährt, macht Dinge, von denen er glaubt, dass sie von ihm erwartet werden. Solche Menschen sind verkrampft und versucht, Manöver von sich zu verlangen, die sie nicht wirklich beherrschen.


Solche Pseudo-Rossis fahren also gar nicht wirklich aus Freude am Fahren?

Ja, das könnte man so formulieren.


Und wie lautet die Botschaft des Professors an die lernfähigen Töfffahrer?

Mach nur, was du kannst, und versuche nach und nach da Zuverlässigkeit und Präzision hineinzubringen.


Wenn man nur tut, was man kann, dann ist doch kein Lernen möglich. Muss mannicht auch Dinge tun, von denen man nicht sicher ist, ob man sie bewältigt? 

Das ist aus der Sicht des Psychologen schon richtig, generell entwickelt man sich nur, wenn man sich selbst gemässigt neue Anforderungen stellt. Aber man sollte nur mit Mass Leistungen von sich selbst abfordern, die einen anstrengen. Und man sollte eine gute Chance haben, dass man sie bewältigen kann, wenn man sein Bestes gibt. Vergleiche dich mit dir selbst. Als gewöhnlicher Motorradfahrer den Valentino Rossi spielen zu wollen, ist nicht nur grössenwahnsinnig, sondern auch brandgefährlich. Dennoch können neben Sicherheitstrainings auch Rennstreckenund Enduro-Trainings ein fundamental wichtiges Element zur Senkung von Unfallzahlen sein. Warum? Weil man auf der Rennstrecke Manöver ausprobieren kann, die man im Strassenverkehr tunlichst unterlassen sollte. Auf der Rennpiste fährt man mehr Schräglage, höheres Tempo, man lernt dezidierter, also heftiger, aus hohen Tempi zu bremsen.


Ist das Rennstreckenverbot der Schweizer Behörden also auch kontraproduktiv in Sachen Unfallprävention?

Der Transfer von Rennstreckenlehrgängen auf den Strassenverkehr ist nicht – wie einige konservative Verkehrsexperten glauben machen wollen – die übersetzte Geschwindigkeit oder zum Rennfahrer zu werden, sondern zu erfahren, was mein Motorrad alles kann. Und wer auf der Rennstrecke gefahrlos seine Limits austesten darf, fährt im Strassenverkehr sicherer, weil man im Notfall weiss, was noch geht. Nur wer die maximale Schräglage seines Motorrades kennt und seinen Töff auch aus hohen Geschwindigkeiten situativ sicher verzögern kann, der wird mit brenzligen Situationen bei Tempo 50 oder 120 kaum zu überfordern sein. 


Steht der Wissenschaftler Eberspächer sonst noch im Klinsch mit der allgemein vorherrschenden Lehrmeinung?

Ja. Überall wird dir erzählt, du müsstest die anderen Verkehrsteilnehmer im Auge haben. Das stimmt aber nur bedingt. Man sollte besser sagen, «immer auf die Lücke achten, die einem die anderen Verkehrsteilnehmer lassen». Ein extrem unterschätztes und wichtiges Faktum zur Vermeidung von Unfällen ist die richtige Blickführung. Da, wo man hinschaut, fährt man auch hin, das sogenannte «Figurgrundphänomen» ist wissenschaftlich belegbar: Wenn sich in der Fussgängerzone zwei entgegenkommende Passanten gegenseitig anschauen, rempelt man unweigerlich zusammen. Im Strassenverkehr ist das genauso. Wenn ich den berühmten Schweizer Postbus, der unerwartet in einer Kurve auftaucht, in einer Schrecksekunde fixiere anstatt mit kühlem Kopf den freien Teil der Fahrbahn, werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit genau zwischen den beiden Scheinwerfern einschlagen. Oder nehmen wir zum Beispiel hier die Übungen zum Töfffahrer des Jahres. Man darf nicht den Pylon als Figur sehen, auf den sich das Handeln bezieht, sondern den Raum dazwischen. Richtige Blickführung und das Weit-voraus-Schauen sind übrigens die fundamentalsten Themen bei allen Renn- und Enduro-Trainings. Ein weiterer Punkt ist der Schreck. Panikreaktionen sind immer unzweckmässig, denn es kommt zu einer ganz systematischen Struktur: der Sogenannten Null-eins-Reaktion. Alles oder nichts mit fatalen Folgen. Man greift zum Beispiel in der Kurve voll in die Vorderbremse. Blank Mind wird das in der Wissenschaft genannt.


Der Schrecken lässt sich doch gar nicht immer vermeiden, oder?

Stimmt, aber es lässt sich lernen, mit dem Erschrecken umzugehen. Man kann für solche brenzlige Situationen mentale Navigationssysteme entwickeln. Genau damit habe ich mich in meinem Buch «Gutes Motorradfahren beginnt im Kopf» auseinandergesetzt. Denn nur, wenn Kopf und der Körper optimal zusammenarbeiten, fährt man gut und sicher.



Zur Person

Hans Eberspächer wurde 1943 geboren. Er startete seine berufliche Karriere an der Universität Heidelberg und war dort bis 2007 Professor für Sportpsychologie mit dem Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt Selbstmanagement in Leistungssituationen und für mentales Training. Im Rahmen dieser Tätigkeit sammelte Eberspächer einschlägige Erfahrungen als Coach verschiedener Sportler, Nationalmannschaften und von Piloten und Managern. Eberspächer war der erste akreditierte Sportpsychologe bei olympischen Spielen (1976). Er war unter anderem als Berater der Motorrad-Rennfahrer Stefan Bradl und Anton Mang tätig. Viele bekannte Grössen der angewandten Sportpsychologie sind aus Eberspächers Schule in Heidelberg hervorgegangen. Sein Arbeitsgebiet war und ist bis heute die Sportpsychologie und besonders das Thema mentales Training. Mentales Training ist selbst in der Raumfahrt heute nicht mehr wegzudenken. Deshalb ist Hans Eberspächer ein gefragter Redner auf Kongressen, hält Seminare, berät Unternehmen und ist Autor zahlreicher Fachpublikationen. Eberspächer fährt seit 1978 aktiv Motorrad und ist seit über 25 Jahren regelmässig auf der Nürburgring Nordschleife unterwegs. Beim Swiss Perfektionstraining von TÖFF ist der Professor als Teilnehmer und Referent seit Jahren gern gesehen.  


Als hochkarätiger Gastredner war der Biker-Professor eigens mit seiner BMW R 1200 RT zu den Biker-Prävi-Days (Bericht S. 4) angereist. Sein Vortrag «Gutes Motorradfahren beginnt im Kopf – schlechtes auch» fand eine begeisterte Zuhörerschaft. Mentales Training und die perfekte Balance zwischen Kopf, Körper und Maschine steht auch im Zentrum des jüngsten Buches von Hans Eberspächer. Dieses Perfektionstraining der anderen Art hilft, die individuelle Leistungsfähigkeit zu verbessern – nicht nur beim Motorradfahren. 

 

Motorbuch Verlag, ISBN-10: 3613031604


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