Schritt für Schritt ans Ziel kommen

Im Gespräch mit Sportpsychologe Hans Eberspächer

Es gibt keine unwichtigen Schritte. Die Summe aller Schritte ist entscheidend. So fängt der Erfolg im Kopf an.

 

Stress entsteht zwischen den Ohren, also im eigenen Kopf. Die Kunst besteht darin, Dinge nicht als „positiv“ oder „negativ“ zu bewerten, sondern als zweckmäßig oder unzweckmäßig. Jeder sollte sich dann natürlich nur mit den zweckmäßigen Dingen beschäftigen.

Wer Erfolg im Beruf anstrebt, kann Ihrer Meinung nach viel von Profi-Sportlern lernen. Was zum Beispiel?
Hans Eberspächer: Erfolgreiche Profi-Sportler und Top-Leister in anderen Feldern, denken Sie an Piloten, Chirurgen, Führungskräfte und viele andere, die gut sein müssen, wenn´s drauf ankommt, also Topleistung just in time abrufen müssen, haben sich mentale Navigationssysteme programmiert, die Schritt für Schritt und ohne Emotion zum Ziel führen. So funktioniert übrigens jedes Navi im Auto oder am Motorrad: Schritt für Schritt zum Ziel. Dabei gibt es keine wichtigen und unwichtigen Schritte, sondern nur den nächsten und wenn der getan, ist kommt der nächste … Die Methode, solche Navis für sein eigenes Handeln, also mental, zu programmieren, ist das Mentale Training. Meist wird es intuitiv und trotzdem sehr systematisch praktiziert. Zunächst informiert man sich dabei über die Schritte zum Ziel („wie geht das?“), hier hilft oft ein Coach, dann lernt man diese Schritte wie ein Gedicht auswendig, verinnerlicht sie, beispielsweise per Selbstgespräch und Visualisieren („Kopfkino“). Schließlich geht man seine Schritte regelmäßig durch, trainiert sie praktisch und mental im Wechsel, bis sie sitzen. Damit wird man handlungssicher, zuverlässig und gewinnt Überzeugung ins eigene Können, auch wenn es in schwierige Anforderungen geht.

Erfolg fängt also im Kopf an – wie sieht dafür der ideale Trainingsplan aus?
Oft liest man vom Ablenken: Lenke dich ab vom Störenden, damit dir etwas gelingt. Dieser Ratschlag ist schlicht Unsinn. Stellen Sie sich einen Rennfahrer vor, der in seinem Formel-1- Boliden mit 330 km/h auf eine Kurve zuschießt und sich dabei aber bloß von den Gefahren ablenken soll, die eintreten, wenn es jetzt nicht klappen würde. So einer wäre dann schlicht handlungsunfähig. Nicht ablenken, sondern hinlenken bringt also Handlungssicherheit und damit letztlich Erfolg, hinlenken auf die Schritte, die zwingend zum Ziel führen. Einen nach dem anderen.

Ideen und Konzepte präsentieren ist oft ein wichtiger beruflicher Faktor. Welche Dinge gibt es zu beachten?
Überzeugend präsentieren kann nur, wer eine Botschaft hat. Diesbezüglich beschleichen mich bei den vielen Powerpoint- Präsentationen, die ich schon erleiden musste, ernsthaf te Zweifel. Zu viel, zu schnell, zu klein geschrieben, zwischendurch ein Cartoon – Witzchen. Und bedrückend häufig wird vom Referierenden der Wand erzählt, was gerade auf sie projiziert wird, und nicht den Zuhörenden. In halb abgedunkelten Räumen kommt da nicht nur positive Lernatmosphäre auf. Wenn ich mich auf solche Präsentationssituationen vorbereite, gottlob komme ich ohne Powerpoint aus, mache ich mir zunächst Gedanken darüber, was ich bei den Zuhörenden erreichen möchte. Geht es um Information, um Meinung, um Stimmung oder um ein anderes Ziel? Dann mache ich mir ein Bild vom Raum, in dem präsentiert wird, geh hin, schaue ihn mi r an. Über zeugendes Präsentieren lebt von einem Standpunkt, auch körperlich! Stehen auf beiden Beinen, den Zuhörenden zugewandt, in ihrer Sprache.

Welche Techniken und Grundsätze beachten Sie persönlich in beruflichen Situationen?
Die höchste Freiheit erlebt, wer „Nein“ sagen kann, denke ich, ist mein wichtigster Grundsatz. Nicht tun zu müssen, was ich nicht tun will, ist ein lohnendes Ziel. Techniken gibt es in unendlicher Zahl, mein ganzes Berufsleben habe ich mich damit befasst, als Trainer, Lehrer zunächst in der Schule, später an der Universität. Eines scheint mir jenseits solcher Techniken grundlegend: dass man echt ist, authentisch. Bestimmt ein hoher Anspruch, der auch oft bemüht wird. Für mich aber so fassbar: Innen und Außen passen zusammen, was innen ist, ist außen und deshalb braucht man keine Energie mehr, sich zu verstellen, indem man z. B. außen darstellen will was in einem nicht ist. Beobachten Sie nur einmal Leute, die sich begrüßen, heute ja verbreitet mit Küsschen, und sehen Sie, wie weit man auseinander sein kann, weil man sich nicht leiden kann, und trotzdem … Show-Küsschen. Anstrengend!

Wer sich auf ein bestimmtes Ziel fokussiert, verliert schon gern einmal andere Dinge aus den Augen. Wie findet man die richtige Balance?
Fokussieren heißt, dass im Bewusstsein oder Handeln eine Sache im Brennpunkt steht, was ja zwangsläufig bedeutet, dass anderes aus dem Blick gerät. Tatsächlich ist es nur in Routinesituationen, die automatisiert bewältigt werden, möglich, mehrere Dinge zur gleichen Zeit zu tun. In Anforderungen, die die ganze Aufmerksamkeit bewusst fordern, schaffen wir nur eine zu einer Zeit. Wer also sein Navigationssystem im Auto während der Fahrt programmiert, ist darauf in einem Maß fokussiert, dass er vom Straßenverkehr nichts mitbekommt. Weil wir aber oft dem Trugschluss nachhängen, wir könnten im Beruf beispielsweise Mehreres mit bewusstem Fokus gleichzeitig tun, erleben wir allenfalls Hektik, keinesfalls aber Effizienz. Die Lösung: Eines zu einer Zeit, danach umschalten auf das Nächste. Diese Fähigkeit des schnellen, besser flinken Umschaltens nenne ich mentale Fitness, ein durchaus lohnenswertes Trainingsziel.

Sie haben viele Sportler auf Weltmeisterschaften und Olympische Spiele vorbereitet. Hat das olympische Motto „Dabei sein ist alles“ noch eine Bedeutung?
Zu Zeiten, in denen man sich über internationale Meisterschaften für die Olympischen Spiele qualifizieren muss, hat sich das „Dabei-sein“-Motto wohl überlebt. So charmant der Teilnehmer, der beim 10000-Meter- Lauf eine Viertelstunde hinter dem Vorletzten ins Ziel kam, oder ein „Eddy the Eagle“ auch erscheinen, sie passen leider nicht mehr in die mediengetaktete und sponsorengetragene olympische Sportwelt.


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