Die Regenerationslücke

Hans Eberspächer ist Sportpsychologe und bereitet Spitzensportler auf Wettbewerbe vor. Er rät Managern, von Sportlern zu lernen, dass Höchstleistungen kein Dauerzustand sind. Wer aufRegeneration verzichtet, riskiert den Burn-out.

 

:: Von Prof Dr. Hans Eberspächer


Im Spitzensport verdichten sich Grundzüge jeder Wettbewerbs- und Leistungskultur auf dem schmalen Grat zwischen Durchbruch und Einbruch. Die Athleten bieten mit ihren Leistungen und dem, was sie dafür in Kaufnehmen, um ganz vorne dabei zu sein, einen perfekten Anschauungsunterricht für Berufstätige und Privatleute. Viele Spitzensportler träumten am Anfang ihrer Karriere von einerWM oder Olympischen Spielen. Einmal dabei sein, einmal ganz oben aufdem Podest stehen - das ist zugleich Vision und Ziel. Auch Personalentwickler heben gerne den Wert von Visionen als persönlicher Leitidee hervor. Spitzensport unterscheidet sich da in nichts vom Wirtschaftsleben. Die eigentliche Bewährungsprobe steht erst in der Routine zwingend harter Trainingsbelastungen an - Tag für Tag.

Für die meisten spielt der Sport neben Schule und Beruf abseits der Öffentlichkeit, hinter den Kulissen. Und das teils in einem Lebensalter, das Altersgenossen noch in der Komfortzone elterlicher Fürsorge genießen. Spitzensportler arbeiten mit permanentem Monitoring, planmäßig, systematisch, kontrolliert. Persönliche Leistung wird in kaum einem anderen Bereich der Gesellschaft so gnadenlos objektiv erfasst wie hier. Zudem sind Spitzensportler heute - Stichwort Dopingkontrolle - in einem Umfang gläsern, den die meisten Zuschauer und Fans zwar fordern, für sich persönlich aber kaum akzeptieren würden. Wie Athleten trotz dieser Beanspruchung ihre Ziele motiviert und doch mit der nötigen Lockerheit verfolgen, nötigt mir allen Respekt ab.

Zudem müssen Spitzensportler als öffentliche Personen noch den Spagat zwischen öffentlicher Vereinnahmung und persönlicher Identität meistern. Die turnusgemäße Konfrontation mit Bewertungen in der medial vermittelten Sportwirklichkeit "from zero to hero" und umgekehrt überstünden sie ansonsten nur schwerlich unbeschadet. Natürlich genießen Erfolgreiche die öffentliche Vereinnahmung als die Glamourseite, die als Teil der Gratifikation zum Spitzensport gehört und ihnen Sponsoren und lukrative Werbeverträge bringt. Doch in Zeiten der Erfolglosigkeit mit Niederlagen undVerletzungen fechten sie oft einen einsamen Kampf aus. Auch dann immer wieder gegen Selbstzweifel anzutrainieren, um dem Räderwerk mentaler Selbstzerfleischung zu entkommen, gelingt nur durch ein positives Selbstbild. Es formiert sich um die eigenen Stärken. Diese nicht nur zu kennen, sondern überzeugt, zuversichtlich, aktiv und flexibel genau dann einzubringen, wenn es darauf ankommt, gilt als Kern jeder Krisenbewältigung wie jeder Erfolgszuversicht.

Spitzenleistungen gelingen nur dem, der sich auch Regeneration gönnt, als Phase eines in den Lebensplan integrierten Rhythmus zwischen Belastung und Erholung. Im Vergleich dazu wirktangesichts des vernachlässigten Stellenwertsvon Training im normalen beruflichen und privaten Alltag - das dort gelebte Erholungsverhalten alles andere als systematisch. Professionell kann man es schon gar nicht nennen.

Zu beeindrucken vermag allenfalls, wie im Berufsleben trotz einer Regenerationslücke hohe und höchste Leistungserwartungen eingefordert werden. Folgen dieser Misswirtschaft mit persönlichen Ressourcen, die kein erfolgreicher Spitzensportler unbeschadet überstünde, werden seit einiger Zeit als Burn-out öffentlich diskutiert.

Hans Eberspächer ist Professor für Sportpsychologie.
Seine Schwerpunkte:
Selbstmanagement in Leistungssituationen und mentales Training. Er bereitete Sportler aufOlympische Spiele und Weltmeisterschaften vor. Seine Methoden werden in Unternehmen zur Leistungsoptimierung, Stressbewältigung, Motivation und Teamentwicklung angewendet.



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