Stress - ein Teil unseres Lebens

Wir sprachen mit Prof. Dr. Hans Eberspächer, emeritierter Professor für Sportpsychologie der Universität Heidelberg, über Stress in der Arbeitswelt. Der bekannte Buchautor hat über viele Jahre Profisportler und Nationalmannschaften psychologisch betreut und berät heute Unternehmen in Personalentwicklung, Stressmanagement, Motivation und Teamentwicklung.

BKKiNFORM 03.2010

BKKiNFORM: Würden Sie gerne auf Stress komplett verzichten?

Prof. Eberspächer: Ohne jeglichen Stress würde uns sehr schnell sehr langweilig werden, denn Stress ist so etwas wie die Würze des Lebens. Und Würze ist immer eine Frage des Maßes. Ohne Würze, das weiß jeder von uns, wird es schnell fad, langweilig und öde, weil uns nichts fordert, aber eben auch, nichts fördert. Wir sprechen hier auch von Unterforderungsstress, weil Ideen, Einsatz, Engagement und Kräfte zur Bewältigung von Anforderungen nicht nötig sind. Man erstickt förmlich in ewig gleicher Routine, mit den entsprechenden körperlichen und mentalen Folgen. Viele Urlauber erfahren ihre "schönsten Wochen des Jahres" geradezu als einen solchen Unterforderungsstress.

BKKiNFORM: Woran merke ich, dass der Stress, dem ich ausgesetzt bin, mir schadet?

Prof. Eberspächer: Wenn man sich nicht mehr vollständig erholt, sich nicht mehr aus eigener Kraft regenerieren kann und so zwangsläufig in Zustände der Erschöpfung gerät, aus denen man sich oft nur noch mit pharmakologische Hilfe befreien zu können glaubt, dann läuft etwas schief. Ein recht zuverlässiger Indikator für eine intakte Erholungsfähigkeit ist der ungestörte Nachtschlaf oder auch die Fähigkeit, sich entspannen zu können.

BKKiNFORM: Wie kann ich - gewissermaßen vorbeugend - den Umgang mit Stress trainieren?

Prof. Eberspächer: Darüber ist viel geschrieben worden, auch von mir. Die erste notwendige Voraussetzung liegt sicher in der Einsicht, dass man den Umgang mit Stress trainieren kann. Zweitens setzt das Ganze an unseren Bewertungen an, die Stress ja auslösen. Solche Bewertungen erlernen wir, also können wir sie auch verlernen und neue, zweckmäßigere trainieren. Schließlich sehe ich eine Reihe von mentalen Werkzeugen, die uns dabei helfen: z.B. unterstützende Selbstgespräche, realistische Selbsteinschätzung der eigenen Stärken, konzentrieren auf das Wesentliche, konkrete und realistische Zielsetzungen, Training der Entspannungsfähigkeit, Analyse des eigenen Handelns nach Erfolg und Misserfolg.

BKKiNFORM: Regelmäßiger Sport hilft uns, besser für Belastungssituationen gerüstet zu sein. Doch da ist noch der "innere Schweinehund". Wie kann ich den am ehesten überwinden?

Prof. Eberspächer: Diesen vielbeschworenen Schweinehund lassen Sie am besten in der Hütte, was am ehesten mit der Einsicht gelingt, dass man sich selbst zunächst da abholen soll, wo man steht, also unter Umständen mit einer Beanspruchung von lediglich einigen Minuten. Danach sollte man Lust haben, sich in zwei Tagen wieder zu bewegen. Die realistische Selbsteinschätzung hilft dabei genauso, wie die realistische Zielsetzung. Beides sollte so aufeinander abgestimmt sein, dass man sich während des SportS oder Bewegens wohl fühlt und sich nicht permanent in der vagen Hoffnung auf Endorphine, also Glückshormone, quält, die dann irgendwann einmal Bewegung zum Eingang ins Paradies werden lassen.

BKKiNFORM: In vielen Bereichen der Arbeitswelt hat die projektbezogene Arbeit stark zugenommen. Oft werden spezielle Teams für eine besondere Aufgabe zusammengestellt, ist diese erledigt, folgt das nächste Projekt in einem neuen Team. Bedeutet das für den Einzelnen zusätzlichen Stress?

Prof. Eberspächer: Zunächst nicht zwangsläufig, denn das Geschilderte beschreibt ja nicht mehr und nicht weniger als einen normalen Arbeitsablauf: Auftrag Abarbeiten - nächster Auftrag. Mir liegt aber sehr an dem Hinweis auf Beanspruchungen, die nicht optimalet Teamarbeit aufgrund entwicklungsfähiger Sozialkompetenz entspringen. Personalentwicklung scheint sich nach meinem Eindruck immer noch zu sehr auf die Entwicklung von Sachkompetenz zu konzentrieren und dabei die Bedeutung von Sozial- oder gar Selbstkompetenz nicht immer angemessen zu bewerten. Sozialkompetenz ist die Fähigkeit, Anforderungen mit anderen gemeinsam zu bewältigen, Selbstkompetenz, Anforderungen im Umgang mit sich selbst zu bewältigen, z.B. bei der Bewältigung von Stress oder von persönlicher Zielsetzung nach Erfolg und Misserfolg. Unterentwickelte Sozialkompetenz scheint mir fraglos eine Stresskomponente ersten Ranges, weil zu viele Reibereien und Konflikte, die unzureichend abgeatbeitet werden, das Zusammenarbeiten belasten.

BKKiNFORM: Worauf kommt es bei Teamarbeit besonders an?

Prof. Eberspächer: Teamarbeit ist ein ungewöhnlich vielschichtiges Geschehen. Als besonders wichtig erscheint mir die Fähigkeit, im Team konstruktiv zu kommunizieren und dabei eine für alle verbindliche gemeinsame Zielsetzung zu verfolgen, ohne den Respekt vor den individuellen Zielsetzungen der Mitglieder zu vernachlässigen. Basis jeder Teamarbeit ist das Vertrauen untereinander. Denn ohne Vertrauen gibt es zu viele Brüche und "schwarze Löcher" im Informationsfluss, weil Informationen zurückgehalten oder unterdrückt werden. Sachliche Kommunikation in strittigen Fragen ist die Meisterprüfung jedes Teams.

BKKiNFORM: Sie sind Gastredner bei vielen Veranstaltungen. Was tun Sie, damit Sie auf den Punkt fit und motiviert sind?

Prof. Eberspächer: Ich habe es aus zwei Gründen gut. Einmal, weil ich das, was ich tue, sehr gern tue und mich auf solche Veranstaltungen freue. Sie bieten mir ein Podium für meine Botschaft und die Chance, damit Leute zu gewinnen, sie zu begeistern. Das Zweite und Wesentliche sehe ich aber in der Frische, so zu reden, dass es nie routiniert wirkt, sondern sich immer im Dialog mit den Zuhörenden entwickelt, bei guter Stimmung im Raum.

Eine Langversion des Interviews können Sie unter www.ruv-bkk.de nachlesen.


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