«Wie kommt man denn zu der Meinung, dass Auswärtsspiele schwieriger seien als Heimspiele?»

Gut sein, wenn's drauf ankommt. Der Sportpsychologe Hans Eberspächer arbeitet mit Spitzensportlern, um sie zu «Meistern des Gelingens» zu machen: Seine Strategien lassen sich aber durchaus auch auf den Amateurfußball anwenden.

 

im Spiel 1/2011


Heiner Baumeister und Fabian Diehr im Gespräch mit Professor Hans Eberspächer | Körperlich sind die Spitzenspieler alle fit, und auch das körperliche Training ist inzwischen überall ähnlich. Da kommt es darauf an, wer im entscheidenden Moment seine optimale Leistung abrufen kann. Kein Wunder also, dass mentales Training im Fußballsport in den letzten Jahren stetig an Bedeutung gewonnen hat. Gemeinsam mit dem Sportpsychologen Professor Hans Eberspächer gingen wüir der Frage nach, ob mentales Training ebenso im Amateurbereich sinnvoll ist.


Herr Eberspächer, erklären Sie doch mal, wie der VfB als nahezu Tabellenletzter am Wochenende beim Tabellenführer auswärts einen Punkt holen konnte.

Das sind die typischen Fragen an einen Sportpsychologen ... «Erklären Sie mir das kaum Erklärbare». Aber in dem Fall gab es eine Grundkonstellation, die richtig mentale Turbos freisetzen kann. Der Außenseiter, hat man nichts zu verlieren, kann ganz befreit aufspielen und mal schauen, wie's kommt. Das ist die klassische Rolle des Außenseiters, der zuschlägt, ohne dass jemand das erwartet hätte.


Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie man es als Tabellenführer schafft, den Kopf freizuhalten, und eben auch unbeschwert aufspielen kann.

Wer in ein Spiel geht, ordnet sich das Ding am Besten zunächst im Kopf. Der Kernmechanismus, mit dem sich die Psychologie hier befasst, besteht aus zwei Prozessen, die jedes Handeln steuern: Das eine ist die Bewertung der Situation. Gefährlich? Ungefährlich? Die zweite Komponente sind die Konsequenzen. Aber Konsequenzen sind unendlich. Stellen Sie sich auf einen Stuhl hier im Zimmer. Was passiert? Körperlich, Umgebung, Kopf, nix. Also ... und jetzt nehmen wir den Hocker und stellen ihn oben auf die Spitze des Fernsehturms. Was passiert? Sie machen sich Gedanken. Was passiert, wenn? Dieses Konsequenzdenken ist so nützlich wie Fußpilz. In dem Augenblick, wo ich den Elfmeter schieße, sollte ich nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn ...


Sie sagen also, man darf nicht in Szenarien denken?

Doch doch, nur in zweckmäßigen. Boris Becker ist nach seinem ersten Wimbledon-Sieg gefragt worden, was er vor dem Aufschlag zum Matchball gedacht habe. «Nix» war seine Antwort. Aber das Nichtsdenken ist viel einfacher gesagt als getan. Es kommt vielmehr darauf an, das Richtige zu denken oder besser das Zweckmäßige. Was unterstützt mich in meinem Handeln? Profis unterscheiden sich von Dilettanten dadurch, dass sie im Augenblick, in dem sie handeln, sich womit befassen? Mit ihrer Kompetenz. Was muss ich jetzt machen, damit mein Ding klappt?


Dass die Schweizer bei der WM fünf Elfmeter verschossen haben, konnte sich Trainer Köbi Kuhn nicht erklären - morgens beim Training hätten alle noch wunderbar getroffen ...

Das Verrückte dabei ist, dass beim Elfmeter ja immer das Gleiche passiert. Der Abstand ist gleich, der Ball ist gleich, der Schütze kann immer seinen Anlauf frei auswählen ... Also, was muss er machen, damit er eine hohe Handlungskonstanz hat? Ja klar, den immer gleichen Ablauf wiederholen. Gar keine Frage. Und dieses Können, diesen Ablauf so abspeichern, dass er bewusst darauf zugreifen kann - unter allen Bedingungen. Dann sieht er die Herausforderung und akzeptiert die etwa 80-prozentige Chance, das Tor zu machen.


Kann man denn seine Gefühle so leicht in den Griff bekommen?

Leicht ist das nicht, aber möglich, wenn man es trainiert. Man muss dazu die Bewertung der zu bewältigenden Situation steuern, und damit auch sein Gefühl. Hier liegt die Differenzierung zwischen Herausforderung und Bedrohung. Bedrohte konzentrieren sich auf ihre Schwächen. Und jemand, der dieselbe Situation als Herausforderung nimmt, sieht seine Stärken - denken Sie nur an die erste Runde im DFB-Pokal. Amateurclubs, die auf Bundesligamannschaften treffen, machen bestimmt kein Trainingslager. Vielmehr sind sie heiß darauf, den Großen ein Bein zu stellen. Und die Großen können sich saftig blamieren.


Helfen Rituale, um seine Bewertungen richtig vorzunehmen?

Ja klar. Ein Ritual stabilisiert, weil man einen festgelegten Ablauf hat. Und Rituale sind immer entschleunigend. Ein Ritual in Panik gibt es nicht. Ein nervöses auch nicht. Rituale bringen mich zu mir, und ich befasse mich mit dem Ablauf, den ich beherrsche, und stabilisiere mein Handeln dadurch.


Und was ist, wenn einmal etwas Unvorhergesehenes passiert? Können da Rituale auch hinderlich sein?

Durchaus. Die Bundeswehr hat mich z. B. vor Jahren einmal gefragt, wieso ganz erfahrene Fallschirmspringer unerwartet häufig abstürzen. Eine plausible Erklärung: Wenn man 6000 Sprünge gemacht hat und nie etwas passiert ist, muss man schon ein sehr guter Profi sein, um beim 6001. Mal seinen Fallschirm genauso aufmerksam zu packen wie beim ersten Mal. Bei wichtigen Aufgaben sollte man sich also immer wieder aufs Neue systematisch vorbereiten. Mein Ansatz ist, sich da ein mentales Navigationssystem aufzubauen, das die individuellen technischen Kompetenzen abruft, wenn man sie benötigt. Ein Navigationssystem hat zwei Bestandteile: einmal das Ziel und dann die Abfolge, um zum Ziel zu kommen. Wesentlich dabei ist, dies unemotional, Schritt für Schritt zu tun, ohne auch nur einen auszulassen. Das ist die mentale Basis jeder Handlungssicherheit.


Dauerhaft werden die meisten Amateurteams mit Sicherheit keine Hilfe von Sportpsychologen in Anspruch nehmen. Gibt es Dinge, die man dort trotzdem richtig machen kann?

Um psychologischen Sachverstand in sein Handeln einfließen zu lassen, braucht es keinen Psychologen. Sondern man muss sich zunächst mal klarmachen, dass der Kopf bei allem, was wir machen eine ganz große Rolle spielt. Denken Sie an die Bewertungs-Gefühls-Schleife, die wir schon angesprochen haben Ich kann mir dann Gedanken machen, wie ich diese zur Unterstützung meines HandeIns am Besten anlege.


Können Sie hier ein konkretes Beispiel geben?

Wie kommt man z. B. denn zu der verbreiteten Meinung, dass Auswärtsspiele schwieriger seien als Heimspiele? Das ist eine Bewertung - und man muss gar kein Psychologe sein, um das festzustellen -, die radikal unzweckmäßig ist. Ein Spiel ist ein Spiel, und wie das Spiel sich entwickelt, das wird man dann sehen. Und jeder hat die besten Chancen, das Spiel gut zu gestalten, wenn er das zulässt, was er kann. Das geht aber nicht, wenn die Hälfte des Hirns permanent überlegt, wie man jetzt ein schwieriges Auswärtsspiel spielt. Denn es geht immer darum, Fußball zu spielen.


Welche Rolle spielt die Mannschaft bei der mentalen Wettkampfvorbereitung?

Psychologisch gesehen - und da biete ich viel Reibungsfläche -, ist Fußball kein Mannschaftssport, sondern immer ein Spiel Eins-gegen-Eins. Selbst beim Fußball muss jeder zunächst mal seinen Job machen. Und das, was jeder einzelne Spieler leistet, muss er vorbereiten, trainieren und abrufen können. Und darin können sich die Spieler gegenseitig unterstützen. Denn füreinander arbeiten setzt natürlich voraus, dass jeder seinen ganz eigenen Job machen muss, um die Mitspieler zu unterstützen.


Gibt es konkrete Ableitungen aus Ihrer Arbeit für das Training?

Ein großer Fehler liegt in der Unterscheidung zwischen Training und Wettkampf, schließlich geht es hier wie da immer ums Fußballspielen. Sicher fließen in den Wettkampf immer Erwartungen ein vom Verein, von den Spielern, von Sponsoren ... Und beim Wettkampf können die Ereignisse nicht wiederholt werden. Hopp oder topp. Und auch die emotionale Bewertung des Verlierens oder Gewinnens, also von Können und Nichtkönnen ist anders. Und ein Trainingsansatz besteht für mich eben darin, die mentale Beanspruchung des Wettkampfs ins Training einzubauen, denn abrufen lässt sich nur, was man vorher trainiert hat. Und den Kopf kann und muss man genauso trainieren wie den Körper.


Wie also hätte die Schweizer Nationalmannschaft ihre Elfmeter trainieren sollen?

Beispielsweise mit Prognosetraining: Der Elfmeterschütze hat zehn Bälle und muss vorhersagen, wie viele er davon trifft. Das kann man verschärfen, wenn man so lange wiederholen lässt, bis die Prognose erfüllt ist. Zusätzliche mentale Beanspruchung bringt, dies auch noch öffentlich zu machen. Die mentale Konsequenz ist hier viel verbindlicher als körperliche Maßnahmen - z. B. Liegestützen oder Strafsprints. Ein zweiter Trainingsansatz ist, nach einer Übung im Misserfolgsfall keine Wiederholung zuzulassen. Sportler beschäftigen sich dann erfahrungsgemäß recht intensiv mit den dafür ausschlaggebenden Gründen. Eine dritte Komponente ist die Zeitverzögerung bzw. -vorgabe: der Trainer stellt eine Aufgabe, die z. B. erst in 15 Minuten oder innerhalb einer gewissen Zeit erledigt werden muss. Mentale Beanspruchung wird so Bestandteil des Trainings.


Mentales Training befasst sich ja auch mit Motivation. Wie überwindet man den «inneren Schweinehund»?

Motivation ist eine Eigenleistung und folgt logischen Schritten. Macht das Training Sinn? Ist mir ein Handeln möglich? Ist das Ergebnis für mich wichtig? Und dann die vierte Frage: Ist das Ergebnis für mich attraktiv? Wenn man an einer Stelle mit «Nein» antwortet, gibt's auch keine Motivation. Das ist z. B. nach dem Aufstieg ein Thema. Der Trainer sagt, jetzt müssen wir mehr trainieren. Da kommt auf jeden Einzelnen die Motivationsfrage zu. Macht es Sinn? Klar macht es Sinn. Geht das? Ja, es geht. Kannst du es? Ich kann es nicht, weil ich dann Ärger mit meiner Frau oder meinem Chef bekomme. Oder man sagt, es geht wohl, aber was hab ich davon, immer noch acht Klassen unterhalb des Profifußballs zu kicken?


Können bei der Motivationsfrage auch wieder Rituale helfen? Gibt es Tricks, sich z. B. leichter zum Trainig aufzuraffen?

Klar. Einer meiner Tricks, wenn ich zum Trainieren zu faul bin, ist, dass ich mich einfach umziehe. Dann ist die Hürde, beispielsweise laufen zu gehen, schon genommen - sich wieder umzuziehen, ohne Sport gemacht zu haben, wäre ja nicht sinnvoll oder gar attraktiv.



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