Mentale Navigationssysteme

Hans Eberspächer verfügt über eine lange Erfahrung als Sportpsychologe. Egal, ob Profitennisspieler, Elfmeterschütze oder Weltklasseskispringer – er erkennt die mentalen Trainingsformen, die sich im Kopf eines Athleten abspielen müssen, damit dieser sein Können in Erfolg umsetzen kann.

Pawlik SC-Journal 1|2012

Finale des ATP-Tennisturniers in Monaco. Auf der Tribüne des Center Courts sitzen 10.000 Zuschauer und Hans Eberspächer. Gebannt verfolgt der Sportpsychologe seinen Schützling auf dem roten Ascheplatz. Doch plötzlich ist der Aufschlag des Tennisprofis weg. Ausgerechnet im Endspiel gelingen die einfachsten Dinge nicht mehr. Doch es kommt keine Panik auf, denn der Spieler verfügt über ein "mentales Navigationssystem". Eine Erfindung von Eberspächer.

"Mentale Navigationssysteme benötigt man, um in allen Situationen handlungsstabil zu sein. Jeder Sportler kann das trainieren, damit er stets weiß, was Schritt für Schritt zu tun ist': so der Wissenschaftler. Und es funktioniert: Dem von Eberspächer betreuten Tennisspieler gelingt es, die zuvor antrainierten EinzeIschritte - beim Tennisaufschlag sind das fünf Knotenpunkte abzurufen und wieder zu seiner alten Stärke zurück zu finden.

"Der Kopf unterstützt hier den Körper, indem er komplexe Bewegungsabläufe intuitiv abrufen kann ': so der Psychologe. Sportbegeisterte Fernsehzuschauer werden das Bild eines Skifahrers kennen, der kurz vor dem Start die Slalomstrecke in Gedanken durchfährt. Dieses Streben nach Selbststeuerung gehört zum Erfolgsrezept vieler Sportler. Eberspächer hat es in seinen Büchern ausführlich beschrieben.

Die Einsicht, dass Sportler Psychologen brauchen, hat sich erst in den vergangenen Jahren durchgesetzt. "Vor mehr als 30 Jahren galt ich als Pionier': berichtet der Heidelberger, "ich war bei den Ruder-Weltmeisterschaften 1975 dabei - und musste damals noch ,undercover' als Bootswagenfahrer mitreisen ': Später wurde Eberspächer dann offiziell als Sportpsychologe bei Olympischen Spielen und anderen Wettkämpfen akkreditiert.

Dass die mentale Umsetzungskompetenz eine wichtige Leistungsvoraussetzung ist, gehört mittlerweile zum Standardwissen. "Wenn das jemand alleine hinbekommt, ist das umso besser': so Eberspächer. Wer das allerdings nicht schafft, der braucht einen Fachmann: "Und das ist nicht mehr der Trainer in Eigenregie, sondern der professionell ausgebildete Psychologe - als ein Experte im Umfeld des Trainers."

Und der weiß: "Erfolg beginnt nun mal im Kopf, Misserfolg aber auch." Wer gute Leistungen erbringen möchte, bei dem sollten laut Eberspächer drei Voraussetzungen stimmen. "Er muss körperlich fit sein, seine Umgebung muss top organisiert sein, und der Kopf muss so optimiert werden, dass mentale Prozesse ihn unterstützen und nicht stören."

Doch in vielen Sportarten ist das Jahr lang und voll mit Wettkämpfen, wie hält man da die Selbstdisziplin konstant hoch? "In jeder Sportart gibt es unbestritten Saisonhöhepunkte. Die Topleister unterscheiden sich dabei von den anderen dadurch, dass sie wirklich jeden Wettkampf und auch jedes Training ernst nehmen." Eberspächer nennt das Beispiel eines Skispringers, der auf die Frage, wie viele wichtige Sprünge er im Jahr habe, entgegnete: "Das sind nur ganz wenige, nämlich die bei der Weltmeisterschaft."

Eine fatale Einschätzung, denn der junge Sportler sah damals noch nicht ein, dass es hunderte wichtige Sprünge in der Saison gibt jeder einzelne Testsprung gehört dazu. "Fängt man erstmal damit an, den Sprüngen verschiedene Wertigkeiten zuzuordnen, dann hat man am Ende unzählige Prioritätsebenen': so Eberspächer. Wichtig sei vielmehr die Einsicht, dass der Job immer derselbe ist.

Doch wie geht man mit Rückschlägen um? Zusammen mit seinem Kollegen Hans-Dieter Hermann hat sich der Sportwissenschaftler auch mit diesem Thema beschäftigt und das Werk "Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzungen" verfasst. "Oft haben Sportler Probleme, lange Verletzungsphasen konstruktiv zu überstehen ': weiß Eberspächer: "Reißt der Meniskus oder bricht das Schienbein, dann passiert das von hier auf Jetzt. Ohne Vorwarnung werden die Sportler aus ihrem bisherigen Leben zwischen Training und Wettkampf geworfen."

Für die dann folgende Phase der Rekonvaleszenz brauchen die Athleten eine klare Perspektive "Die erste mentale Leistung muss es daher sein, so schnell wie möglich - am besten sofort eine Zukunftsvision und Sinn zu entwickeln." Denn genau das steigert die Motivation. Und oft erreichen Sportler nach einer langen Verletzungspause sogar ein höheres Niveau als zuvor, da die Erwartungen niedriger waren.

Problematisch wird es an dieser Stelle jedoch für Konsequenzdenker: "Durch ihre Ja-aber-Haltung werden die Weichen frühzeitig auf Misserfolg gestellt", so Eberspächer. Das beste Beispiel ist der Elfmeterschütze, der beim Anlauf daran denkt, was passiert, wenn er das Tor nicht trifft. "Konsequenzdenker müssen zu Kompetenzdenkern werden und sich auf ihre Ressourcen besinnen", fordert Eberspächer.

"Doch auch die Regeneration ist wichtig für die Durchsetzungskraft, denn sie ist Voraussetzung für Topleistungen - und eine Herausforderung für Menschen im Berufsalltag. Wer seinen Willen durchsetzen will, der muss vollkommen regeneriert sein": sagt Eberspächer, "viele junge Manager von heute haben das verstanden und treiben Sport als Ausgleich".

Wie auch Eberspächer Der einst selbst in vielen Disziplinen wie Leichtathletik, Handball und Boxen aktive Leistungssportler bewegt sich noch immer gerne. Denn dabei kommen ihm die besten Ideen, so auch der Begriff des "mentalen Navigationssystems".


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