"Stolpern beginnt im Kopf"

Stuttgart - Die Berufswelt verändert ihr Gesicht. Arbeit wird in immer mehr Bereichen zu einem Hochleistungsmarathon. Da mitzuhalten und im Rennen zu bleiben, erfordert nicht nur einen immer stärkeren Einsatz, sondern auch einen ausgeprägten Anpassungs- und Durchhaltewillen. Dazu braucht es psychomentale Stärke. Die klassische berufliche Weiterbildung allein genügt unter den gegebenen Rahmenbedingungen oft nicht mehr. Für die persönliche berufliche Werterhaltung wird die Sorge um innere Stabilität und Widerstandskraft immer wichtiger. Und die entsprechende Vorsorge. Wer das übersieht, riskiert, erst zur oder zum Frustrierten/m und im Folgenden ein Opfer immer stärkerer Resignation zu werden. Womit der Prozess allmählicher beruflicher Selbstdemontage eingeleitet ist.

Um dem vorzubeugen, muss die entsprechende Vorsorgearbeit von der rein körperlichen Gesundheitspflege auf die geistig-seelische Gesundheit ausgedehnt werden. Ein wichtiges Stichwort dazu heißt Gedanken- und Vorstellungssteuerung. Die Psychologieprofessorin Carol Dweck von der amerikanischen Stanford University spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit, darum bemüht zu sein, das blockierende statische Selbstbild gegen ein dynamisches auszutauschen. Womit sie nichts anderes anregt, als wie auch immer im Lebenslauf erworbene überzeugungen zu hinterfragen und gegebenenfalls schnellstmöglich zu überwinden. Nur so ist es für Dweck möglich, der Gefahr zu entkommen, zum Gefangenen überholter Denk- und Verhaltensweisen zu werden.

Glaubenssätze verändern

„Egal ob wir uns dieser Glaubenssätze bewusst sind oder nicht, sie haben einen großen Einfluss darauf, welche Ziele wir uns vornehmen und ob wir sie schließlich auch erreichen”, betont Dweck. Und verweist darauf, dass ihre Untersuchungen zeigen, „dass eine Veränderung scheinbar ganz einfacher Glaubenssätze große Wirkung haben kann.”

Zu diesen scheinbar ganz einfachen Glaubenssätzen und Grundeinstellungen gehören für Dweck beispielsweise die Vorstellungen „Das geht so oder gar nicht”, „Das ist alternativlos”, „Es darf nichts schiefgehen”, „Man hat mich abgelehnt, ich bin zu dumm, da brauche ich mich gar nicht weiter zu bemühen”, „Ich bin sowieso immer der Dumme”, „Höhergestellten widerspricht man nicht” und was sonst noch so alles an sich selbst blockierenden Vorstellungen in den Köpfen zirkuliert.

Wie werden Korrekturen an diesen Glaubenssätzen und Grundeinstellungen möglich? Professor Hans Eberspächer aus Dossenheim ist anerkannter Vordenker und Fachmann für Fragen des Selbstmanagements in Belastungssituationen und für mentales Training. Er hält es für wichtig, zunächst zu erkennen, „dass wir immer als erlebende Personen in erlebten Situationen handeln”. Und dass „das jeweilige subjektive Situationsmodell unser Denken wie Handeln regiert”. Eberspächers „subjektives Situationsmodell”, das sind Dwecks Glaubenssätze und Grundeinstellungen. Drehbücher im Kopf, die meist einer ebenso simplen wie gefährlichen Wenn-dann-Logik folgen. Und damit einer der sichersten Garanten dafür sind, sich selbst lahmzulegen.

Das Bemühen, das eigene Denken und nachfolgende Verhalten nicht von vorgefertigten Vorstellungen und den gemeinhin damit verbundenen Ängsten und Befürchtungen steuern zu lassen, entpuppt sich somit als die eigentliche Kunst der Bewährung und Behauptung in den zunehmend vielschichtiger und anspruchsvoller werdenden beruflichen Situationen.

Die vorprogrammierte, automatisiert ablaufende Gedanken- und Handlungssteuerung, warnt Eberspächer, werde bei diesen Anforderungen zum zuverlässigen beruflichen Stolperstein. Denn es seien nicht diese Anforderungen an sich, sondern die eigenen Ansichten davon und die Reaktionen darauf, die Menschen in Schwierigkeiten brächten. Ganz einfach deshalb, weil sie die Suche „nach wirklich weiterführenden alternativen Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten verhindern”.

Eberspächers Hinweis sollte zum persönlichen Mantra erhoben werden. Das Wort kommt aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich „Instrument des Denkens” und bezeichnet eine meist kurze, formelhafte Wortfolge, die als Bewusstseinsbildner und -stabilisator anhaltend wiederholt wird. Herausforderungsfest in herausfordernder Zeit im Beruf zu stehen, das, sagt Eberspächer, heiße zu begreifen: Weniger das, was auf uns einstürmt, was bewältigt, durchgestanden, gelöst werden muss, laugt aus als die Art und Weise, wie im Kopf damit umgegangen wird. Stolpern beginnt für Eberspächer immer im Kopf.

Zuversichtliche Gedanken

Er rät deshalb, zwei wesentliche Elemente des mentalen Trainings aus dem Hochleistungssport auch im Hochleistungen fordernden beruflichen Alltag anzuwenden: die Selbstgesprächs- und die Vorstellungsregulation. Selbstgespräche und Handeln seien nicht voneinander zu trennen. Doch die Art der Selbstgespräche mache einen gravierenden Unterschied im Hinblick auf das berufliche Durchhaltevermögen und die erzielbare Leistungshöhe: Weniger Erfolgreiche legten sich mit Selbstzweifeln lahm. Erfolgreiche hingegen brächten sich mit zuversichtlichen Gedanken in Schwung. Erfolgreiche fokussierten sich mit sich selbst redend auf ihre Aufgabe. Weniger Erfolgreiche auf ihre Ängste und Befürchtungen. Zweckmäßig geführte Selbstgespräche, erläutert Eberspächer, „sollen das, was bewältigt oder erreicht werden muss, im Hinblick auf die Befindlichkeit, Motivation und Handlungsstrukturierung stützen und nicht stören”.

Entsprechendes gelte für die Vorstellungen. Schließlich beeinflussten sie maßgeblich das, was nachfolgend von einem Menschen erlebt werde. Vorstellungen, sagt Eberspächer, „schaffen die Erwartungshaltung, die sich auf Auftreten, Handeln und überzeugungsfähigkeit, kurz, auf die gesamte Performance auswirkt”. Vorstellungen seien somit wichtige Prüf- und Führungsgrößen für das Handeln. Mit den Worten Carol Dwecks gesprochen: In einem statischen Selbstbild gefangene Vorstellungen machen passiv und verhindern jedes aktiv-kreativ-innovative Handeln. Und sie rufen in der persönlichen Außendarstellung im Gegenüber leicht Vorstellungen von Unwilligkeit oder schlimmer noch von Unfähigkeit hervor.

 

Stuttgarter Zeitung - 4. April 2011

 

 


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