Nur ein regenerierter Mensch ist leistungsfähig

Erfolg beginnt im Kopf, Misserfolg ebenfalls: Prof. Dr. Hans Eberspächer erklärt, wie sich Top-Leister vor dem schnellen Ausbrennen schützen.

electrorevue 19/2012

 

Wie lassen sich hohe Erwartungen an sich selbst längerfristig verkraften?

Indem man zunächst versteht, dass die Voraussetzung jeder Leistung Erholung ist. Nur ein erholter, regenerierter Mensch ist leistungsfähig. Entsprechend gehören Regenerationsphasen zum professionellen Alltag. Meine Erfahrung als Coach belegt immer wieder, dass Leistungsträger auch Meister der Regeneration sind.

 

Es gehört schon fast zum Standard, sich permanent ein wenig zu überfordern. Nach welchem Muster führt negativ empfundener
Stress ohne Gegenmassnahmen zwangsläufig zum Burnout?

Permanente Überforderung bei hohem Engagement führt zwangsläufig in die Erschöpfung. Die mentalen und körperlichen «Akkus» werden nicht mehr hinreichend aufgeladen, weil Schlaf oder Erholung dann fast wirkungslos bleiben. Betroffene leben förmlich von der Substanz, also nicht nachhaltig. Über eine gewisse Zeit lässt sich dann das gewohnte Leistungsniveau mit immer grösserer Anstrengung zwar durchaus halten. Es ist jedoch eine Frage der Zeit, wann ein Mensch selbst Leistungseinbussen erfährt oder vom Umfeld entsprechende Rückmeldungen erhält, da die Leistungsqualität oder -quantität zu wünschen übrig lässt.


Ihr Burnout-Modell reicht von «Engagement» über «Erschöpfung» und «Entfremdung» bis zum «Einbruch». Welche Alarmsignale sind zu beachten?

Entfremdung erlebt, wer trotz intensiver Anstrengung auf keinen grünen Zweig kommt. Die Frage nach dem Sinn drängt sich damit geradezu auf: «Was mache ich eigentlich hier?» Eine Frage, die sich in der Berufs- wie übrigens auch in der Privatwelt wohl jedem gelegentlich mehr oder weniger intensiv stellt. Auf Dauer allerdings führt diese Sinnfrage zum Auseinanderdriften zwischen Beruf und Person bis zur Entfremdung, in der sich Betroffene als Objekt empfinden. Es geschieht etwas mit ihnen, dem das eigene Handeln nichts mehr entgegenzusetzen hat.


Wie hoch schätzen Sie den Eigenanteil der Betroffenen an der Burnout-Misere?

Es gilt als gut begründet, dass menschliche Entwicklungen immer sowohl persönlich als auch sozial bestimmt sind. Diese Einsicht hält ja auch die Forderung nach Arbeits- und Lebensbedingungen aufrecht, die beides in Einklang bringen sollen. Und oft werden allzu schnell Forderungen an «die Gesellschaft» oder «das Unternehmen» gestellt – ohne das eigene Handeln angemessen zu berücksichtigen. Natürlich kann man, um ein Beispiel aus dem Feld der Ernährung zu nehmen, von «der Industrie» bessere, also weniger fette oder süsse Nahrungsmittel fordern. Eine Idee ist allerdings auch, sich selbst entsprechend darum zu kümmern, dass man sich vernünftig ernährt.

 

Wie lässt sich nachhaltiges mentales Ressourcenmanagement in die Unternehmen bringen?

Ressourcen sind Bewältigungsvoraussetzungen. Man braucht sie, um etwas zu leisten. Als Erstes fallen einem in diesem Zusammenhang natürlich Ressourcen wie Geld, Energie, Wasser oder saubere Luft ein. Allzu leicht übersieht man dabei, dass in der nachhaltigen Nutzung unserer mentalen Ressourcen der Ausgangspunkt für alles andere liegt. Erfolg beginnt im Kopf – genauso, wie Kreativität, Motivation und Ziele zunächst in den Köpfen von Menschen entstehen und leider oft wieder verkümmern. Dies zu sehen und zu verstehen ist der erste Schritt. Im zweiten geht es um die Frage, wie man dieses Verständnis im Unternehmen implementieren kann. Erfreulich vieles geschieht ja heute schon in diese Richtung, aber wir haben noch
Potenzial.


Interview: Andreas Turner

 

Selbstwirksamkeit als Lebenselixier

Die Schwerpunkte von Hans Eberspächer, Psychologieprofessor und Experte für mentales Training aus Heidelberg/Dossenheim, liegen in der Beanspruchungs- und Regenerationsforschung sowie im mentalen Training. Eberspächer begleitete Profisportler bei der Vorbereitung auf Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. Unternehmen lassen sich von ihm in mentaler Fitness, Stressbewältigung und Burnout-Prophylaxe beraten.
Literatur: Hans Eberspächer, «Gut sein, wenns drauf ankommt – Von Top-Leistern lernen», Hanser-Verlag


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