Erfolg ohne Nebenwirkungen

Viele erfolgreiche Menschen berufen sich gerne auf ihre Schnelligkeit. Die möglichen Nebenwirkungen sind bekannt. Ein gelungener Gegenentwurf ist die bewusste Entschleunigung. Hier ist es wichtig, die richtigen Umschaltstrategien zu kennen – und immer wieder zu trainieren.

Der viel zitierte Satz, dass die Schnellen eher die Langsamen fressen als die Großen die Kleinen, klingt wie das Credo eines Raubtierkapitalismus. Dabei bringt er lediglich eine in der Natur wie im globalisierten Wettbewerb unbestreitbare Realität auf den Punkt: Schnelligkeit gilt als Überlebensfaktor und steht für Erfolg. In wettbewerbsgetriebenen Märkten laufen Unternehmen, die sich nicht schnell genug anpassen, Gefahr, Entwicklungen zu verschlafen.

In der Anpassungsfähigkeit eines Systems, sei es ein Unternehmen oder ein Mensch, erkennt man seine Fitness. Investitionen fließen in fitte, zum Schutz vor Nachahmern durch permanente Entwicklung getriebene und beschleunigte Unternehmen. Routine fungiert in solchen Kontexten mit ihrer Stabilisierungs- und Entlastungsfunktion als bestandssicherndes Strukturmerkmal.

Weil sie aber auch als veritable Entwicklungsbremse mit beachtlichen Verzögerungswerten Wirkung entfalten kann, brauchen innovative Unternehmen neben routinierter Personalkompetenz vermehrt Leistungsträger und Entscheider mit entsprechender Fitness. Nur so können sie motiviert und kompetent nie zuvor gegangene Wege einschlagen.

Neben dem energetischen Moment der Beschleunigung gibt es also qualitative Faktoren, welche die Anforderungslandschaft von Leistungsträgern substantiell ausweiten. Dies wiederum bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die körperliche Beanspruchung jenseits der natürlichen Ermüdung. Bezeichnenderweise haben es Erschöpfung, Schlaflosigkeit oder Burnout in jüngster Zeit zu Titelgeschichten in unseren Leitmedien geschafft.

Die Beschleunigung bringt also offensichtlich neben wirtschaftlich attraktiven auch eine Reihe persönlicher Auswirkungen mit sich. Diese zu erkennen ist natürlich keineswegs neu, wohl aber die zunehmende Bereitschaft in den Unternehmen, der im Wettbewerb unvermeidlichen Beschleunigung durch eine nachhaltige Regeneration, sprich intelligentes Entschleunigungsmanagement, zu begegnen.

Und das erscheint umso dringlicher, als die naheliegende Forderung nach der Reduktion von Beschleunigung gerade in globalisierten Märkten als Entlastungskonzept zu kurz greift. Mit der Idee „Regeneration durch Entschleunigung“ rückt ein Gegenentwurf verstärkt in den Fokus.

Selbstverständlich ist die Bedeutung der Regeneration schon lange erkannt und wissenschaftlich hinreichend begründet. Evident ist sie ohnehin, können doch nur Erholte als Leistungsträger Verantwortung übernehmen. Was wäre von einem übermüdeten Piloten, Chirurgen oder Maschinenführer zu erwarten? Die Frage nach der Bedeutung von Regeneration durch Entschleunigung
beantwortet sich hier von selbst.

Eine entscheidende Frage richtet sich jedoch auf ein Konzept, das Beschleunigung und Entschleunigung als gleichwertige Komponenten des Leistungshandelns zusammenführt. Als Schlüsselbegriff dafür sehe ich den Begriff von Fitness als einer flinken Anpassung an Anforderungen. Damit kommt eine zusätzliche Facette in die Diskussion, nämlich die Fähigkeit, rasch zwischen Beschleunigungs-
und Entschleunigungsmodus umzuschalten.

Dazu erweist sich das routinierte Beherrschen einer oder mehrerer Strategien der Entschleunigung als notwendige Voraussetzung. In einem zweiten Schritt gilt es, das Umschalten zu trainieren. Denn je nach Situation kann dies auch in kurzen, oft sogar sehr schnellen Zyklen erforderlich sein. Jemand, der gelernt hat, sich entschleunigend zu entspannen, dazu aber ein komplettes Wochenende benötigt, hätte noch Potenzial gegenüber demjenigen, der sich auch im Minutentakt kurzentspannen kann.

Im beschleunigten Unternehmensbetrieb gelingt es diesen Personen, sich bei Bedarf und Gelegenheit äußeren Beschleunigern wie Terminen oder Zielvorgaben durch ein schnelles Umschalten in den Regenerationsmodus für eine gewisse Zeit zu entziehen. Wer das beherrscht, weil er es trainiert hat, erzielt über die Summe an Entschleunigungsphasen im Tagesverlauf mindestens zwei Effekte: Er unterbricht mögliche emotionale Aufschaukelungseffekte und er übersteht den Tag auf einem signifikant höheren Regenerationsniveau als untrainierte Mitarbeiter.

Drei Merkmale unterstützen das Verständnis von Entschleunigung. Diese lebt zunächst, im Gegensatz zur Beschleunigung, vom Augenblicksbezug und ohne einen erlebten Zukunftsbezug. Es gilt das Hier und Jetzt. Entschleunigung ist darüber hinaus immer an das Prinzip der Erlebnisorientierung gebunden, nicht wie die Beschleunigung an eine wie auch immer geartete Ergebnisorientierung. Entscheidend ist das Erleben – und nicht das Ergebnis.

In der Entschleunigung fließen Atmung, Entspannung und Bewegung schließlich in einen gemeinsamen Rhythmus, den man dann im Einklang erlebt. Solch eine Betrachtung erscheint in beschleunigten Abläufen kaum bedeutsam. Denn hier steht das manifestierte Leistungshandeln im Mittelpunkt, nicht seine inneren Bedingungen.

Die kaum überschaubare Vielfalt von Anschauungen, Methoden und Techniken der Entschleunigung stellt Interessierte vor komplexe Entscheidungen. Unabhängig davon allerdings steht am Anfang die Klärung der Sinnfrage der angestrebten Veränderung, hier der Entschleunigung. Sinn stellt Handeln in einen umfassenden Zusammenhang, dem dann Priorität eingeräumt wird. Beispiele solcher Zusammenhänge sind Glauben, Gesundheit, Lebensqualität oder Genuss. Wo ein solcher Sinn nicht steht, da bricht die Motivation zusammen und es bleibt beim schönen Vorsatz.

Zwei Wege führen dabei zum Erkennen des Sinns von Entschleunigung – ein erzwungener und ein frei entschiedener. Erzwungen wird Entschleunigung oft durch kritische Lebensereignisse wie Krankheiten, Unfälle oder sonstige Schicksalsschläge. Sie lösen bei den Betroffenen ein Umdenken aus, das dann oftmals neue Lebenshorizonte eröffnet. Nicht selten jedoch kippt dieses Umdenken nach einer erfolgreichen Rehabilitation wieder in den beschleunigenden Strom des beruflichen und privaten Alltags.

Als zweite Option sehe ich die freie Entscheidung für eigene Prioritäten: „Was ist mir wichtig im Leben?“ Eine Entscheidungshilfe ergibt sich hier erfahrungsgemäß aus dem Gedankenexperiment, ausgelöst durch die Frage: „Was würde ich tun, wenn ich morgen erfahren würde, dass ich noch fünf Monate zu leben hätte?“ Zu den häufigsten Antworten gehören erfahrungsgemäß „persönliche Angelegenheiten ordnen“, „sich um Familie und Freunde kümmern“ und „bestimmte Orte besuchen“. Betroffenheit löst regelmäßig die danach folgende Frage aus: „Und was haben Sie davon in den vergangenen fünf Monaten gemacht?“. Solche Fragen können eine Sinnklärung entscheidend voranbringen.

Nach Klärung der Sinnfrage stabilisiert sich die Motivation dann weiter über die Information zu geeigneten Entschleunigungswegen. Und diese begründen sich durchgängig über den balancierten Dreiklang aus Atmung, Entspannung und Bewegung. Sich auf seinen Atem einzulassen, entschleunigt. Entspannung im Wechsel zur Anspannung ist das universelle Handlungs- und Leistungsprinzip. Hier geht es darum, Entspannung sowohl im Mikro- (kurze Pause) als auch im Meso- (Mittagspause oder Feierabend) und im Makrozyklus (längerer Urlaub) zu erfahren. Gelingt das, schützt es gegen Hektik und Stress.

Im Einklang mit Atmung und Entspannung eröffnet die Bewegung den Weg zur Entschleunigung. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich drei Optionen nennen. Diese gilt es, zu kennen, zu trainieren und umzusetzen:

?1. Zwischen Meditation und Körpertraining

Hierzu gehören Entspannungstechniken wie die progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder die Meditation. Ebenso Wandern, Laufen oder Schwimmen als zyklische Bewegungsformen sowie Tanzen, Golf oder Tennis als azyklische Varianten. Nicht zu vernachlässigen sind auch körperliche Arbeiten, zum Beispiel im Garten.

2. Zwischen Sozialleben und Musen

Natürlich spielen auch Familie und Freunde eine wichtige Rolle. Dazu gehören gemeinsame Unternehmungen wie der Besuch von Konzerten, Restaurants, Sportereignissen oder Ausstellungen. Dies muss jedoch nicht immer passiv erfolgen, sondern kann wie bei Theateraufführungen auch gerne in einer aktiven Rolle geschehen.

3. Zwischen Wellness und Besinnung

Stichworte wie Wellness oder Chillen sind allseits bekannt. Hier geht es darum, die kognitiven Fertigkeiten zu erweitern und neue Blickwinkel auszuloten. Diskutieren Sie mögliche Änderungen, führen Sie Gespräche abseits der professionellen Routine. Aus den genannten Optionen, die sich beliebig kombinieren lassen, werden diejenigen ausgewählt, die der Priorität Entschleunigung im Alltag entsprechend den eigenen Bedürfnissen am realistischsten umsetzbar sind. Und das am besten regelmäßig.

 

Kurzvita

Prof. Dr. Hans Eberspächer lehrte an der Universität Heidelberg. Beim Pawlik Sales Congress 2011 hielt er den Vortrag „Gut sein, wenn’s drauf ankommt – Von Topleistern lernen“.


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